Jugendliche und digitale Medien: Zwischen Inspiration und Belastung

Drei junge Mädchen schauen mit "Kussmund" in eine Kamera.
Foto: Unsplash+

Die Ergebnisse der JIMplus-Studie 2026 weisen auf eine differenzierte Einstellung gegenüber digitalen Medien.

Stuttgart (2mind) – Digitale Medien sind für Jugendliche eine wichtige Inspirationsquelle, bringen aber auch Belastungen mit sich. Besonders Social Media wirkt wie ein Drahtseilakt zwischen positiven und negativen Erfahrungen, so die JIMplus-Studie 2026. Problematische Inhalte, der Vergleichsdruck und die Ablenkung durch ständiges Scrollen stehen den positiven Aspekten wie Wissenszugang und sozialer Vernetzung gegenüber. Die Ergebnisse der Sonderstudie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs) zeigen, dass Jugendliche digitale Medien keinesfalls unkritisch nutzen. Sie sind sich der Schattenseiten bewusst und reflektieren ihre Nutzung – oft wünschen sie sich sogar strengere Altersgrenzen und mehr Rücksicht auf ihre Perspektive in gesellschaftlichen Debatten. Dennoch bleiben der Umgang mit problematischen Inhalten und deren Auswirkungen auf das Wohlbefinden eine Schlüsselherausforderung für Eltern, Pädagogen und die Plattformbetreiber.

Die Sonderstudie, die qualitative und quantitative Daten kombiniert, bietet einen detaillierten Blick auf die ambivalente Beziehung zwischen Jugendlichen und digitalen Medien. Einzelne Ergebnisse:

Social Media wie TikTok, Instagram, YouTube und Snapchat dominieren die Online-Aktivitäten Jugendlicher und werden von diesen ambivalent wahrgenommen:
Für 82 % der Jugendlichen bieten soziale Netzwerke einen wichtigen Zugang zu Wissen, und etwa die Hälfte fühlt sich dort verstanden. Vor allem bei kreativen oder inspirierenden Inhalten erfahren sie positive Emotionen und nutzen die Plattformen, um sich auszudrücken oder mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten.
Gleichzeitig berichten 72 %, dass Social Media sie von wichtigen Aufgaben ablenkt, und 55 % geben an, dass die Nutzung ihnen Zeit für Erholung und Freizeitaktivitäten raubt. Besonders 40 % der Befragten beklagen eine verringerte Konzentrationsfähigkeit durch ständiges Scrollen.
Besonders betroffen von den negativen Auswirkungen sind Mädchen, die häufiger von Vergleichsdruck, einem Unwohlsein im eigenen Körper und belastenden Gefühlen berichten.

Problematische Inhalte sind für Jugendliche allgegenwärtig. 71 % begegnen Fake News, 43 % extremen politischen oder religiösen Inhalten und 40 % Hate Speech. Besonders belastend empfinden Jugendliche jedoch ungewollte Nacktbilder, Mobbing-Inhalte, drastische Gewaltdarstellungen und Inhalte, die Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten verharmlosen.
Die Plattform TikTok wird besonders kritisch gesehen: Zehn von 13 Gruppen problematischer Inhalte werden am häufigsten mit TikTok in Verbindung gebracht. Dennoch ist TikTok für viele Jugendliche unverzichtbar – bei Mädchen steht die Plattform sogar an erster Stelle der Dienste, die sie am meisten vermissen würden. Und 13 % der Jugendlichen nutzen TikTok mehr als drei Stunden täglich nutzen – der höchste Wert unter allen Plattformen.

Die Reaktionen auf problematische Inhalte sind vielfältig: Ein Drittel der Jugendlichen scrollt einfach weiter oder hat sich bereits an die häufigen problematischen Inhalte gewöhnt. Lediglich ein Viertel meldet problematische Beiträge aktiv an die Plattformen. Der Kontakt mit solchen Inhalten hat spürbare Auswirkungen: Jugendliche, die häufig problematischen Inhalten begegnen, berichten von einem insgesamt niedrigeren digitalen Wohlbefinden.

Trotz der großen Rolle digitaler Medien bleiben soziale Beziehungen der wichtigste Faktor für das Wohlbefinden von Jugendlichen. Aktivitäten mit Freunden und eine starke familiäre Einbindung stehen an erster Stelle, wenn es um Zufriedenheit und Stressbewältigung geht. Neue Technologien wie KI-Chatbots spielen bei der Bewältigung von Sorgen heute eine geringe Rolle: 12 % der Jugendlichen nutzen Chatbots, wenn sie belastet sind. Mehrheitlich setzen sie auf Musik und Gespräche mit vertrauten Personen, um mit Belastungen umzugehen.

Der digitalen Medienwelt stehen Jugendliche also keineswegs unkritisch gegenüber: Laut JIMplus-Studie 2026 beneiden 47 %  ältere Generationen, die ohne soziale Netzwerke aufgewachsen sind – bei Mädchen ist dieser Anteil mit 52 % deutlich höher als bei Jungen (42 %). Auch die Frage nach Altersgrenzen wird differenziert betrachtet: Während über die Hälfte der Jugendlichen skeptisch gegenüber Verboten ist, glauben 43 %, dass Social Media unter einem bestimmten Alter verboten sein sollte. Viele Jugendliche empfehlen rückblickend ein höheres Einstiegsalter, als sie selbst bei ihrer ersten Nutzung hatten.

Die im Juli veröffentlichte JIMplus-Studie ergänzt die seit 1998 jährlich durchgeführte JIM-Studie (Jugend, Information, Medien) und fokussiert auf das digitale Wohlbefinden. 800 Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren wurden im Mai 2026 in einer repräsentativen Online-Umfrage befragt. 33 Jugendliche dokumentierten ihren digitalen Alltag in Online-Tagebüchern. Und 20 von ihnen nahmen an Online-Einzelinterviews teil.

Der Link zur Studie: https://mpfs.de/studie/jimplus-2026/

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