
Pseudo-Journalismus ist mehr als ein „Symptom medialer Leerstellen“.
Chur (2mind) – Die rückläufige Präsenz von Lokalmedien in ländlichen Regionen fördert die Verbreitung von „Pink Slime“, so der englische Begriff für Pseudo-Lokaljournalismus. Gemeint sind Informationsangebote, die journalistische Erscheinungsformen imitieren, deren Standards – Transparenz, Quellenprüfung, redaktioneller Unabhängigkeit oder Trennung von Interessenkommunikation – aber nicht entsprechen. Eine Forschungsarbeit an der Fachhochschule Graubünden beschäftigte sich mit der Verbreitung dieses Phänomens in der deutschsprachigen Schweiz und in Deutschland, dem Gefährdungspotenzial für demokratische Gesellschaften sowie möglichen Maßnahmen zu dessen Eindämmung. Nun legten die Forscherinnen ihre Ergebnisse vor „Pink Slime ist kein isoliert auftretendes Randphänomen, sondern Ausdruck eines tiefergreifenden strukturellen Wandels lokaler Öffentlichkeiten“, heißt es darin.
Die Studie verweist auf die Verbreitung von Pseudo-Lokaljournalismus in ländlichen Regionen ohne journalistische Angebote – und ebenso in Städten, die über eine diverse Medienlandschaft verfügen. Pink Slime müsse in Europa breiter verstanden werden: „nicht nur als Symptom medialer Leerstellen, sondern auch als strategische Nutzung journalistischer Ästhetik und lokaler Vertrauensräume zur Reichweiten-, Einfluss- oder Monetarisierungslogik.“ Pink Slime ist auch ein Geschäftsmodell.
Die Autorinnen sehen weitreichende Folgen für die Medienlandschaft: „Wenn journalistische Erscheinungsformen systematisch imitiert werden, verlieren visuelle, sprachliche und strukturelle Vertrauenssignale ihre Orientierungsfunktion.“ Besonders erfolgreich sei Pseudo-Lokaljournalismus dort, wo“ lokale Themen emotional relevant, politisch konfliktträchtig oder wirtschaftlich attraktiv“ seien.
Die Autorinnen fordern, in der Medienkompetenzförderung gezielt auf pseudo-journalistische Angebote einzugehen und Monitoringstrukturen aufzubauen, die Pink-Slime-Angebote systematisch beobachten. Dringend notwendig sei eine „Debatte über die Zukunft lokaler Öffentlichkeiten, journalistischer Glaubwürdigkeit und demokratischer Kommunikation im digitalen Zeitalter.“
Die Studie:
- Ulla Autenrieth, Johanna Burger, Jennifer Halter (2026). Nachrichtenwüsten und dann? Typologie pseudo-journalistischer Medienerzeugnisse im Lokalen (Pink Slime), Analyse ihres Gefahrenpotenzials für resiliente Demokratien und Identifikation des weiteren Forschungsbedarfs. Chur: Fachhochschule Graubünden (CC BY-NC-ND 3.0)
