Der Einfluss von KI auf die Kinder- und Jugendarbeit und Glaubensbildung und das steigende Misstrauen

Salvador Rios auf Unsplash

Von Sem Dietterle

Wie verändert künstliche Intelligenz Glaubensbildung, Gemeinschaft und Selbstwahrnehmung junger Menschen – zwischen hilfreicher Unterstützung, wachsendem Misstrauen und gefährlicher Dauerbestätigung? Genau das fordert die Kinder- und Jugendarbeit heute heraus: Sie muss Medienkompetenz stärken, Orientierung geben und Räume schaffen, in denen echte Begegnung, kritische Reflexion und geistliche Reifung möglich bleiben.

Bei einer Gruppenstunde stelle ich den Teenagern die Frage, wer ChatGPT verwendet. Alle Hände gehen hoch. In Gesprächen mit Jugendlichen über das Thema ist eines klar: Neben manchen Enttäuschungen, wie schlecht KI-Antworten sein können, wird KI von vielen aktiv und ständig genutzt. Schaut man sich die Vielzahl von Einsatzgebieten an, sehen wir, wie tiefgreifend KI das menschliche Verhalten jetzt schon verändert. In diesem Text stelle ich direkte und indirekte Auswirkungen dieser neuen Entwicklungen auf die Jugendarbeit vor.

Wir müssen Jugendlichen beibringen, wie sie in Bezug auf Glauben gute und fundierte Antworten bekommen.

KI und Glaubensbildung

Eine Jugendliche aus meiner Jugend vertrat eines Abends eine sehr merkwürdige Position zu einem biblischen Thema. Sie hatte dazu online eine Auslegung gesehen und fand diese sehr schlüssig. Ich dagegen empfand diese Sichtweise sogar als schädlich. Ups! So schnell übernimmt man Ansichten, weil sie logisch klingen. Dieser Gefahr sind wir allgemein im Internet ausgesetzt. Junge Menschen googeln, schauen Predigten oder fragen nun eine KI nach Antworten auf Lebens- und Glaubensfragen. Dass sich KI irren kann, ist vermutlich allen klar. Dennoch müssen wir Jugendlichen beibringen, wie sie in Bezug auf Glauben gute und fundierte Antworten bekommen. Viele geben in die KI zu wenig ein: „Was sagt diese Bibelstelle aus?“ Bei so einem Prompt kann man nur hoffen, dass die KI gute Daten zur Auslegung auswählt. Eine etwas angepasste Eingabe ist dagegen deutlich sicherer: „Was hat Martin Luther über diesen Bibeltext ausgesagt? Mit direktem Link zur Quelle.“ Damit erhält man eine Position von einem Theologen der eigenen Wahl. Alternativ kann man auch sagen „Stelle verschiedene Positionen dar“, um etwas differenziertere Antworten zu erhalten. Auf Bibelserver.com gibt es eine KI namens Nikodemus.ai, die auf ausgewählte Bibelkommentare zurückgreift und theologisch eine gute Grundlage bietet. Das ist z.B. ein Ort, wo mithilfe von KI ein großer Gewinn erzielt werden kann, wenn es um Bibelauslegung geht.

KI und das steigende Misstrauen

In den sozialen Medien wird sich einiges verändern. Jetzt schon gibt es unglaublich viele KI-Videos, die täglich das Netz fluten. Wie kann man aber Fakebilder oder Fake-videos erkennen? Die Antwort ist erschreckend einfach: Mit dem Auge kann man gutgemachte „Fakes“ nicht mehr erkennen.

Die KI-Ergebnisse sind einfach zu gut geworden. Auch wenn uns gerade noch viele lustige Fehler in KI-Bildern auffallen, sollten wir nur noch Bildern trauen, die von vertrauenswürdigen Quellen stammen. Wir müssen uns woanders Hilfe holen, um Fakes aufzudecken; Faktenchecker oder OnlineDienste, die KI erstellte Bilder erkennen. Jugendliche werden vermutlich verschieden mit der visuellen Illusion umgehen. Einige steigen vielleicht aus, weil sie keine Lust auf den KI-Schrott haben. Viele andere werden jedoch Social Media weiterhin nutzen und KI-Videos sogar feiern, weil sie unterhaltsam sind und Fantastisches zeigen, was ohne KI nicht möglich wäre. Zugleich steigt aber das Misstrauen gegenüber jeglichem Bildmaterial. Ein Trend lässt sich da schon erkennen: Influencer starten vermehrt Events, bei denen sie persönlich ihre Community treffen. Denn damit zeigt man seine Echtheit und Nahbarkeit. Zudem werden Netzwerke, deren Informationsgehalt man vertraut, in Zukunft gezielt gesucht. Das ist unsere Chance für Jugendliche: Wir bieten ihnen Echtheit und Orientierung durch anspruchsvolle Inhalte, die zum Nachdenken anregen, die Welt verstehbar machen und durch unseren Glauben Maßstäbe zur Bewertung geben.

KI bestätigt Jugendliche bis zum Himmel

Jeder Nutzer kennt es: Egal, was du in ein Sprachmodell eintippst, die KI feiert deine Eingabe mit Bestätigungen wie: „ein sehr inspirierender Gedanke, der tiefgehend ist.“ Was aber erst einmal höflich und freundlich erscheint, kann langfristig schwierig enden. Sprachmodelle sollen uns bestätigen und uns gute Gefühle vermitteln. Wer das ernst nimmt, denkt: So wie ich bin, sollte ich am besten bleiben. Manchmal brauchen wir diese Bestätigung, aber ausnahmslos bestätigt zu werden, kann sich auch schädlich auswirken. Lass es mich praktisch erklären: Es gibt Jugendliche, die den KI-Bot „My AI“ ihren Freund nennen. Dieser KI-Bot kann innerhalb der Social Media Plattform Snapchat aufgerufen werden. Mit ihm kann man sprechen, wie mit ChatGPT. Es gibt schon Anzeichen, dass Jugendliche emotionale Bindungen zu solchen Bots aufbauen. Gerade wer sich einsam fühlt oder verstärkt Hilfe sucht und keine im Offline-Leben erhält. Jugendliche besprechen ihre Gefühle, ihre Entscheidungen mit einem Bot. Dieser hilft immer. Auch wenn wir nicht alles für gut erachten. Für Menschen kann so ein Bot gottähnlich sein, denn er ist immer da, hilft immer, ist immer für mich und kennt mich. Die Folgen solcher Beziehungen für die Jugendlichen sind sicher vielfach. Eine Bestätigungsmaschine ist jedoch oft nicht hilfreich, da wir Menschen immer auch Korrektur brauchen. Denkt man diese Bestätigungsspirale weiter, boykottieren irgendwann Menschen jegliche Kritik, da sie Bestätigung für normal erachten. Einer KI muss daher immer bewusst gesagt werden, dass sie dieses Mal „kritisch“ sein soll. Die Chance an Kritik und Korrektur müssen wir daher etablieren und bestärken. Unsere Botschaft darf hier ganz biblisch sein in Sinne von: Freut euch, wenn ihr euch ändern dürft und es auch mal Herausforderungen gibt. Denn Jesus ruft zur Umkehr, also zur Veränderung der Überzeugungen, der Einstellungen und Lebensweise.

Unsere Aufgabe bleibt dieselbe wie immer: Mit der Bibel in der Hand Orientierung geben und Jugendlichen helfen, sich in einer KI-geprägten Welt zurechtzufinden.

Indirekte Folgen

Meine vielleicht idealistische Hoffnung ist, dass wir dank der Digitalisierung und KI auch ein Wiederaufleben von analogen Veranstaltungen und echten Beziehungen haben werden, dass Menschen sich wieder in echte Gemeinschaften hineingeben und dort Orientierung und Halt suchen. Eben als Gegenbewegung zu der digitalen Welt, die immer schneller wird, der man weniger vertrauen kann und die sogar an vielen Stellen verwirrt und belastet. Unsere Aufgabe bleibt in all dem schlicht dieselbe, wie immer: Mit der Bibel in der Hand suchen und geben wir Orientierung an Jugendliche weiter, zeigen ihnen die Tiefe und Schönheit des Glaubens und der Glaubensgemeinschaft und helfen dadurch in unserer KI-Welt zurechtzukommen.

Sem Dietterle ist Jugendpastor der Ev. Gemeinschaft München-Bogenhausen, Instagram: @semdietterle (zuerst erschienen in: Digital Glauben. Das Online-Magazin für digitale Jugendarbeit. Ausgabe #3, Juli 2026)

Lizenz: CC BY 4.0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert