
Die gefährliche Jagd nach dem „Kick“ auf Papier – und wie der Justizvollzug auf die neuen Herausforderungen reagiert
Köln (2mind) – In Nordrhein-Westfalens Gefängnissen breitet sich der Konsum neuer psychoaktiver Substanzen (NPS) aus. Der Schmuggelweg ist dabei denkbar simpel: Die synthetischen Drogen werden flüssig auf Papier aufgetragen – etwa auf persönliche Briefe oder harmlos wirkende Kinderzeichnungen – und per Post in die Anstalten geschickt. Dort werden die Papierschnipsel von den Inhaftierten geraucht oder anders konsumiert. Darüber berichtete die WDR-Sendung Westpol am 8. März.
Der Beitrag belegt mit zuvor unveröffentlichten Zahlen die Dimension des Problems: Im Jahr 2024 machten NPS 25 % aller Drogenfunde in NRW-Gefängnissen aus, im vergangenen Jahr waren es bereits 37 %. Die Zahl der NPS-Funde steigt von Quartal zu Quartal weiter.
Die psychoaktiven Substanzen gelten als extrem gefährlich, da ihre chemische Zusammensetzung ständig variiert und ihre Wirkung daher unberechenbar ist. Dies führt zu medizinischen Notfällen, Zusammenbrüchen und extremer Aggressivität gegenüber dem Personal. In dem Beitrag sagt Peter Schönenberg, Leiter einer Sicherheitsgruppe der JVA Rheinbach: „Es kann durchaus sein, je nachdem wie stark der Stoff ist, dass ein halbes Kästchen ausreicht, um einen normalen Menschen aus den Schuhen zu schießen.“ Risiken bestünden dabei auch für Justizvollzugsbedienstete, die unbemerkt mit diesen Stoffen in Kontakt geraten könnten.
Und Anstaltsarzt Jan Salloch aus der JVA Gelsenkirchen verweist auf die Risiken durch das Verhalten berauschter Häftlinge: „Sie sind oft fremdaggressiv, gehen auf uns los, entwickeln auch Kräfte, die wir so vorher noch nicht gesehen hatten“. Zudem würden mitunter unbedarfte Gefangene als „Versuchskaninchen“ missbraucht. Salloch weiter: „Die schummeln ihnen dann einfach eine Zigarette oder ein Getränk unter, in dem dann was drin ist, um zu gucken: Wie wirkt es denn?“
In der Justizvollzugsanstalten Gelsenkirchen und Rheinbach werden inzwischen drastische Maßnahmen ergriffen, berichtet der WDR: Briefe werden in der JVA Geldern seit eineinhalb Jahren eingescannt und den Häftlingen nur noch als Kopie ausgehändigt, um den Kontakt mit getränktem Originalpapier zu verhindern. Für die Inhaftierten keine einfache Lösung: „Ist unpersönlich, ne? Meine Frau gibt sich Mühe, schöne Briefe zu schreiben, nett. Und dann kommt es einfach kopiert hier hin“, sagt Thomas J. dem Sender. Die JVA Gelsenkirchen hat zudem ihren Besuchsraum transparent gestaltet, um eine heimliche Übergabe von Drogen zu unterbinden.
Und in der JVA Rheinbach läuft seit November ein Modellprojekt mit einem hochmodernen Ionenscanner. Das 50.000 Euro teure Gerät erkennt rund 1.000 verschiedene NPS-Zusammensetzungen und konnte bereits 35 Schmuggelversuche entlarven, die etwa über gefälschte Anwaltspost oder Würfe über den Zaun in die JVA gelangten.
Nordrhein-Westfalens Justizminister Benjamin Limbach (B‘90/Grüne) dazu gegenüber dem WDR: „Wir sind noch mitten in der Erprobung, aber die ersten Daten, die wir aus Rheinbach bekommen, sind ermutigend. Wir finden mit diesem Ionenscanner mehr NPS-Stoffe, als wir es vorher gefunden haben.“
